
PLANTIAKI
App-Konzept für nachhaltige Pflanzenpflege — entstanden aus eigenem Versagen. Bachelor-Abschlussarbeit, die mir meinen ersten Job als Product Designerin einbrachte.
Überblick
Ich habe mehr Zimmerpflanzen umgebracht, als ich zugeben möchte. Aus diesem sehr persönlichen Scheitern entstand die Idee zu PLANTIAKI.
PLANTIAKI ist ein App-Konzept für nachhaltige Pflanzenpflege — entstanden als Bachelorarbeit 2020. Realisiert wurde die App nie. Trotzdem zählt sie zu den wirkungsvollsten Projekten meiner Karriere: Diese Case Study brachte mir meinen ersten Job als Product Designerin.
01 —Herausforderung
Der Ursprung
Es gibt Projekte, die aus Markttrends entstehen, und Projekte, die aus echtem Frust entstehen. PLANTIAKI gehört zur zweiten Kategorie. Wenn schon ich mit echtem Interesse scheitere — wie vielen anderen geht es genauso?
Die Frage
Wie kann aktiver Umweltschutz so in den Alltag integriert werden, dass er Menschen gleichzeitig einen persönlichen Mehrwert bringt — statt sich wie eine zusätzliche Pflicht anzufühlen?
Studien zeigen: Über die Hälfte aller Zimmerpflanzenbesitzer:innen hat bereits fünf Pflanzen unabsichtlich sterben lassen. Fast die Hälfte gibt an, grundsätzlich unsicher zu sein, ob sie eine Pflanze am Leben halten kann. Meine eigene Umfrage unter 100 Teilnehmer:innen bestätigte und vertiefte dieses Bild.
02 —Nutzer & Insight
Nutzer verstehen
Um die Zielgruppe wirklich zu verstehen, befragte ich 100 Personen aus unterschiedlichsten Lebensbereichen. Fünf Kernaussagen formten direkt meine Personas:
- "Ich möchte nachhaltiger leben, weiß aber nicht wie."
- "Ich will einen grünen Daumen haben — alle meine Pflanzen sterben."
- "Ich nutze mein Handy täglich vier bis sechs Stunden."
- "Ich erwische mich dabei, wie ich meine Umweltversprechen nicht einhalte."
- "Ich bin bereit, meine Verhaltensweisen zu ändern, um der Umwelt zu helfen."
Zusammen ergibt das ein klares Bild: Die Motivation ist da, Selbstdisziplin und Wissen fehlen oft. Und das Smartphone ist ohnehin permanent im Spiel.

Der Schlüssel-Insight
Apps wie Instagram oder Pokémon Go haben bewiesen, wie mächtig gut gestaltete digitale Erlebnisse Verhalten verändern. Was, wenn man diese Kraft für aktiven Umweltschutz nutzt?
Zimmerpflanzenpflege erwies sich als idealer Nischenbereich: Kaum jemand denkt bei seiner Topfpflanze an Umweltschutz — gleichzeitig ist der emotionale Wunsch nach gesunden, grünen Pflanzen bei sehr vielen Menschen vorhanden. Genau in dieser Lücke lag die Chance.
03 —AR & Konzept
Vom Konzept zur Struktur
Auf Basis der Insights entwickelte ich über Wireframes und ein ausführliches Storyboard die Struktur der App. Sie gliedert sich in fünf Kernbereiche: Community · Shop · AR-Kamera · Profil · Tipps. Bei einer so vielschichtigen App war die größte gestalterische Herausforderung, die Übersichtlichkeit nicht zu verlieren.
Lieblings-Feature
Das Herzstück: AR-Scanning im Pflanzenladen
Stell dir vor, du stehst im Pflanzenladen vor einem Regal voller Grün und hast keine Ahnung, welche Pflanze zu dir passt. Mit PLANTIAKI hältst du einfach dein Handy drauf: Die App scannt die Pflanze, zeigt alle relevanten Infos — Pflegeaufwand, Lichtbedarf, Gießintervalle — direkt an.
Kaufst du die Pflanze, wird sie mit einem Klick zu deinen eigenen Pflanzen im Profil hinzugefügt. Die Kamera hilft auch umgekehrt: Macht eine bestehende Pflanze Probleme, identifiziert die App mögliche Krankheiten. Eine Funktion — zwei Use Cases — ein nahtloses Erlebnis vom Kauf bis zur täglichen Pflege.
04 —Design
Designentscheidungen
Das Thema Umweltschutz ist gestalterisch erstmal nicht das Sexyste. Um Interesse zu wecken, statt mit erhobenem Zeigefinger zu wirken, entschied ich mich bewusst für eine moderne, minimalistische Designsprache:
- Erdtöne + Whitespace — Nachhaltigkeitsbotschaft ohne Klischee-Grün
- Grotesk-serifenlose Schriftfamilie — zeitloses, nicht trend-abhängiges Erscheinungsbild
- Runde Ecken, verschwommene Hintergründe, blattförmige Navigation — organische Note
- Mikrointeraktionen — spürbar nutzerfreundlichere Bedienung
Zusätzlich zur App entwarf ich passende smarte Geräte zur Pflanzenpflege. Gestaltung und Produktfotografie sind konsequent minimalistisch gehalten, damit sich die Designsprache der App auch physisch fortsetzt.
Fokus statt Funktionsflut
Die größte Herausforderung dieses Projekts war nicht gestalterischer, sondern strategischer Natur: Ich begann mit einer sehr großen Idee (Community, Shop, Hardware, Content) und musste mich immer wieder auf das Wesentliche zurückbesinnen. Diese Fähigkeit zur Selbstdisziplin im Scope-Management hat das Projekt als Solo-Bachelorarbeit maßgeblich geschärft.
05 —Ergebnisse
Testen & Lernen
Den Prototyp habe ich mit rund 30 Testpersonen geprüft. Das deutlichste Beispiel: Ursprünglich war der Community-Bereich als reiner Social-Feed angelegt. Im Testing zeigte sich ein anderes Bedürfnis: Nutzer:innen wollten nicht nur zuschauen und liken, sondern aktiv handeln — Pflanzen tauschen, Ableger weitergeben. Aus dem Social-Feed wurde eine Kleinanzeigen-Funktion für Pflanzentausch.
Wirkung
- Sehr gute Abschlussnote für die Bachelorarbeit
- Starke, positive Reaktionen bei der Verteidigung der Arbeit
- Diese Case Study brachte mir meinen ersten Job als Product Designerin
Reflexion
Allein an einem so großen Projekt zu arbeiten, verlangt sehr viel Struktur und Organisationstalent. Ich bin mit einer sehr großen Idee gestartet — im Rückblick war genau das notwendig, um das eigentliche Konzept wirklich zu verstehen und am Ende auf das Wesentliche reduzieren zu können. Eine Case Study braucht kein gelaunchtes Produkt mit Wachstumskurve, um echten Impact zu haben — manchmal liegt der größte Erfolg woanders, als man beim Start erwartet hätte.
Stimmen zum Projekt
Zuverlässig und tatkräftig, eine Macherin mit Leidenschaft und Herz! Ich war fasziniert, mit welcher Professionalität und Zielstrebigkeit Ipek ihre Rolle im Team einnimmt und wesentlich zum Fortschritt und Erfolg der Gruppe beiträgt. Ihre Persönlichkeit und Authentizität bereichern den Arbeitsprozess mit sehr viel Freude und Leichtigkeit.
Andrea Schulz
UI/UX Designer, Studienkollegin
Für Ipek ist das weiße Blatt Papier oder eine leere Arbeitsfläche, ein nur kurzweiliger Zustand. Keine Aufgabe ist zu komplex, keine Anforderung ist zu hoch. Kein Thema ist zu abstrakt dafür, dass erste Ideen aus ihr unmittelbar heraussprudeln. Hierbei offen für alle Techniken oder Methoden, ist sie ein kreativer Freigeist, mit einem immensen Maß an Fokus und Entschlossenheit. Mit ihr zusammen etwas zu schaffen, Lösungen zu erarbeiten, ist immer eine besondere produktive Erfahrung.
Frank Bauer
Senior Art Director, Wildner Designer GmbH